Verbandsstatement – 100 Jahre Frauenwahlrecht

Der Deutsche Verband Frau und Kultur e.V. – einst und jetzt

Mit der Realisierung des Wahlrechtes im Januar 1919 ist für Frauen in Deutschland ein neues Zeitalter angebrochen, für das die Pionierinnen der Frauenbewegung jahrzehntelang erbittert gekämpft haben. Eingebettet in die allgemeinen gesellschaftlichen Erneuerungsbestrebungen und als integraler Teil der Frauenbewegung erfolgte am 11. Oktober 1896 in Berlin die Gründung unserer Solidargemeinschaft als „Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung“.

Vor dem Hintergrund des gleichfalls1896 einen Monat zuvor veranstalteten „Internationalen Kongresses für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“ avancierte Modebewusstsein zum Synonym körperlicher und gesellschaftlicher Emanzipation. „Ihr Frauen, vermindert nicht Eure Kraft durch unzweckmäßige, gesundheitswidrige Kleidung“, lautete ein Appell im ersten Mitteilungsblattes des Vereins. Mediziner, Hygieniker, Pädagogen, Naturheilkundler, aber auch Frauenrechtlerinnen plädierten gegen die Doktrin des gesundheitsschädigenden Korsetts, stattdessen für eine zeitgemäße Frauenkleidung. Schnittmuster unterschiedlicher Modelle, vorrangig gesundheitliche Aspekte und die Natürlichkeit des weiblichen Körpers betonend, waren von Anbeginn an standardisierter Bestandteil einer medienwirksamen Presse und sorgten auch für die Etablierung des Reformkleides. Sukzessive erweiterte sich das Themenspektrum auf Rechts- und Erziehungsfragen, Persönlichkeitsentwicklung, seelische Krankheiten, Volksgesundheit, Literatur, Altersversicherung sowie neuartige Medizintechniken.

Seit dem Jahr 1900 wurden die Mitteilungen des Verbandes als Zeitschrift mit dem Titel „Die gesunde Frau“ publiziert. Neugründungen von Ortsgruppen waren in vielen deutschen Städten zu verzeichnen. Der permanente Modernisierungsschub vieler Lebensbereiche, die expandierende Arbeitswelt, die zunehmende Mobilität, die wachsende Bedeutung von Sport und Gymnastik und die berufstätige Frau leiteten gesellschaftliche Wandlungsprozesse ein, die kontinuierlich thematisiert wurden.

Während der Verband 1928 auf die stattliche Zahl von 71 Ortsgruppen zurückblicken konnte, lösten sich 1936 unter dem NS-Regime zahlreiche Gruppen auf oder tauchten ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu Neubelebungen, natürlich unter völlig gewandelten Verhältnissen. 1973 erfolgte die letztmalige Namensänderung in den „Deutschen Verband Frau und Kultur“, kurz darauf die Umbenennung der Zeitschrift in „Frau und Kultur“.

Diese kurze Rückblende verdeutlicht den Imagewandel unseres Verbandes, der sich ausgehend von einer reformwilligen Interessengemeinschaft mit dem sperrigen Titel „Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung“ zum „Deutschen Verband Frau und Kultur“ entwickelt hat, dessen prägnante Kurzfassung „Frau und Kultur“ programmatisch die Leitbilder unserer Solidargemeinschaft umfasst. Orientiert am gesellschaftlichen Wandlungsprozess zählen kreativer Gestaltungswillen, kulturelle Aufgaben und gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl zur Solidität und Kontinuität einer Institution, die sich breitgefächert an Veranstaltungsformen für die Weiterbildung der Frau engagiert. Dank der zuverlässigen Struktur des Verbandes, die seit früher Zeit zu den Stärken gehört, dem soliden Netzwerk der Gruppenarbeit, der Zeitschrift als verbindendem Element haben sich Öffentlichkeits- und Kommunikationsarbeit bewährt.

Auf den Schultern mutiger und engagierter Frauen, den Protagonistinnen der Frauenbewegung, die sich an unterschiedlichen Fronten für die Gleichberechtigung und die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft eingesetzt haben, stehen wir heute. Vieles ist erreicht worden, denn für uns ist es selbstverständlich geworden zu wählen, planen, handeln und unsere Zukunft selbstbestimmt zu gestalten – Privilegien, die von unseren Vorgängerinnen hart errungen worden sind.

Heute, im Jahre 2019, existieren allerdings noch immer keine volle Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau in unserer demokratischen Gesellschaft. Daher unterstütze ich im Namen unseres Verbandes die Forderungen des Deutschen Frauenrates nach geschlechtergleichem Entgelt von Arbeit, Rentengerechtigkeit, einer Gleichstellung in puncto Sorgearbeit, Parität in den Parlamenten und einer Ausweitung der Quote speziell auch im Bereich der Kultur, einer Kernaufgabe unseres Verbandes.

Dr. Elisabeth Kessler-Slotta
Bundesvorsitzende des Deutschen Verbandes Frau und Kultur e.V.

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